FREUDENTHAUMEL
FLORIAN NÄHRER & STADTPARKGANG
Wandgemälde
Stadtpark Krems
>> in Progress

Oktober 2019

 

 

In die Augen der Passanten stechen die Augen eines Gesichts – bei näherer Betrachtung mag man sich an einen berühmten Komponisten erinnert sehen. In der Tat ist es Ludwig van Beethoven, der von hier in den Norden blickt, nach Gneixendorf, wo er – dessen 250. Geburtstag in das Jahr 2020 fällt – in seinem letzten Lebensjahr mehrere Wochen verbrachte. Der wache Blick des Genies regt die Betrachter zur Entschlüsselung der vielfältigen Bezugslinien der Wandmalerei an. Nähert man sich vom Osten, etwa dem Bahnhof, so liest man: „Symphonie III, Satz V“: ein Anstoß für Musikkenner (ein fünfter Satz in der Dritten Symphonie?), eine Anregung für Musikliebhaber, vor dem inneren Ohr manch Takt erklingen zu lassen, aus der Eroica, der Dritten, oder aus dem manchmal als fünften Satz empfundenen Chorstück Ode an die Freude! der Neunten Symphonie. Die Zickzacklinie daneben mag einem dabei für die Klangwellen stehen oder die Partitur mit ihrem Auf und Ab der Noten. Die Freude! des Gesangs bietet sogleich eine Verbindungslinie zur gegenüberliegenden Aufschrift: „Genesis 9,20ff.“ – dies begegnet denen zuerst, die sich dem Werk von der Gegenrichtung, von Westen, annähern. Hinter dem Zitat verbirgt sich eine Geschichte mit dem berühmten Erbauer der Arche. Er brachte nach der globalen Flutkatastrophe den Wein zum Trost der Menschheit in die Welt – das bei diesem Zitat befindliche Band, das man gegenläufig (wie die hebräischen Buchstaben des Bibeloriginals) auf die Klang- und Notenwellen der anderen Seite zubewegen kann, stellt dann eine Weingartenzeile vor, voll von Früchten der Pflanze, die Noah den Menschen schenkte. So wurde sein Name auch als „Ruhe-Bringer“ gedeutet (zu hebr. noach), und hierin trifft er sich mit dem Gott des Weines, der den Griechen als Lyaios und den Römern als Liber galt, als „Sorgenlöser“ und „Befreier“. Dieser niemals weinende Weingott ist stets vom ausgelassenen Treiben seines Gefolges umgeben, das oben auf der Wand mit den Worten „Satyr und Mänade“ genannt ist und für das rasend-ungestüme Schwellen und Treiben der Fruchtbarkeit steht; friedlicher verbunden finden sich die beiden Geschlechter im Hermaphrodit, liebreizendes Mädchen und holder Knabe in einem. Strotzendes Leben und Lösung bergen auch „Maria und Elisabeth“ in sich, Titel einer von Barockmalern wie dem Kremser Schmidt immer wieder gezeigten Szene, nämlich der Begegnung der schwangeren Elisabeth, Mutter Johannes’ des Täufers, mit Maria, die als „Frucht ihres Leibes“ den Erlöser Jesus unter dem Herzen trägt. Christus wiederum ist mit Dionysos durch das Mysterium des Rebensaftes verbunden; der Weingott schenkt sich jährlich neu als Sorgenlöser den Menschen, Jesus reicht beim Abendmahl den Wein als Kelch des Heiles seinen Jüngern – die Mysterien von Brot und Wein, von Demeter und Dionysos, wurden von Dichtern und Denkern verschiedener Epochen miteinander in Verbindung gebracht, vom spätantiken Epiker Nonnos bis zu Beethovens Zeitgenossen G. W. F. Hegel.

Wie kommen nun die Vögel in das Bild? Die Bienenfresser dürfen mit Glück geduldige Spaziergänger in den Kremser Weinbergen erspähen, wo diese Wunder an Buntheit jahraus jahrein im feinen Sediment brüten, das auch die Trauben sprossen lässt – als Lösswand können sich dann die Beschauer die Betonwand ausmalen, ebenso jedoch als Schutzwand gegen Hochwasser: „Taube“ und „Rabe“ bezeichnen nicht nur Arten, die eher im Stadtpark anzutreffen sind als jene bunten Zugvögel. Sie sind diejenigen Tiere, die Noah aus der Arche aussendet, um zu erkunden, ob sich nach dem Höhepunkt der Sintflut wieder belebbares Land zeigt. Ausgehend von dieser Geschichte können die Vorübergehenden ihre Gedanken in den Süden richten auf die nicht ferne Donau, die mitunter als Naturgewalt die Stadt bedroht. Stellen sich dabei düstere Furcht-Empfindungen vom Einbruch des Wilden oder Fremden in das wohl umhegte Eigene ein, mögen die bunten Winkelbänder einem schließlich als Symbol des Regenbogens erscheinen, der nach Verheerungen als Verheißung neuer Ruhe und beständiger Freude erstrahlt.

 

 

Alfred Dunshirn

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  F L O R I A N  N A E H R E R
2019

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